von Prof. Dr. Uwe Hillebrand, Wolfenbüttel
Mit Limbus wird in der katholischen Lehre seit dem Mittelalter der Vorraum der Hölle bezeichnet, er gilt quasi als Vorhölle. Im Gegensatz zum Fegefeuer, das schon Teil des Himmels ist, in dem aber die Seelen der verstorbenen Menschen erst einmal leiden müssen, gehört der Limbus zur Hölle, jedoch müssen die dortigen Seelen wenig oder gar nicht leiden. Ihr besonderes Leid besteht darin, dass sie ihren Gott nicht sehen können, was auch daran liegen mag, dass es im Limbus so finster sein soll. Die katholische Kirche hat diesen Vorraum eingerichtet, um diejenigen Seelen unterzubringen, die ohne eigenes Verschulden nicht in den Himmel kommen können. Beim Limbus gibt es zwei Arten, also zwei verschiedene Vorräume.
Zum einen den limbus patrum, der die Seelen der längst verstorbenen Gerechten beherbergte, die leider schon auf der Welt waren, bevor Jesus geboren wurde, und die ja irgendwohin mussten. Denn der Himmel war ihnen durch die Sünde Adams, der nicht gelebt hat (s. dazu bei Glaube), verschlossen. Dass der Limbus erst im Mittelalter gegründet wurde, ist dabei nicht so wichtig, denn es gab ihn bereits seit langem, nur die Kirche wusste noch nicht davon. Dieser Teil des Limbus ist heute leer, da Jesus jede Seele, die dort war, nach seinem Tod bei seiner Höllenfahrt mit in den Himmel genommen hat. Zum anderen gibt es den limbus puerorum, in dem sich die Seelen derjenigen Kinder aufhalten, die vor der Taufe gestorben sind. Da sie damit ihre Erbsünde behielten, durften sie nicht in den Himmel.
Dies ist weder eine Fabel aus grauer Vorzeit (oder doch?) noch ein Zukunftsroman, vielmehr handelt es sich dabei tatsächlich um kirchliche Lehre unseres Jahrhunderts, obwohl das der aufgeklärte Geist der heutigen Zeit kaum für möglich hält. Was für eine Vorstellung muss die Kirche von ihrem Gott haben, der Kinder, die nicht mehr getauft werden konnten, in die Hölle verbannt, auch wenn es nur die Vorhölle ist? Die Kirche sagt zwar, der Limbus als Teil der Hölle sei nie Dogma gewesen, allenfalls theologische Spekulation, aber worin besteht für einen normalen Gläubigen der Unterschied? Wie lebt eine gläubige Frau, die vor der Taufe ihr Kind verliert, bei all ihrem Schmerz mit der Gewissheit, dass ihr geliebtes Kind für immer in der Vorhölle sein wird, wo sie es doch so gerne im Himmel wissen möchte? Wie viele bittere Tränen mögen dadurch im Laufe der Jahrhunderte geflossen sein.
Denkt man darüber nach, kommt man zu der Überzeugung, dass der limbus puerorum der katholischen Kirche gegenüber ihren Gläubigen eine reine Zumutung war. Denn zweifellos war schwer zu vermitteln, dass ein Kind, das keine einzige Sünde begangen haben konnte, nicht in den Himmel aufgenommen werden sollte. Die Vergangenheitsform wurde gewählt, da die katholische Kirche im April 2007 den limbus puerorum endgültig abgeschafft hat. Man habe die berechtigte Hoffnung, heißt es, dass ein Kind, das bereits vor der Taufe gestorben sei, dennoch in den Himmel komme. Wir hoffen mit. Merkwürdig ist dabei, wie man etwas abschaffen kann, über das man nur spekuliert hat, und das es daher gar nicht gegeben hat. Und wenn es den Limbus gar nicht gegeben hat, wo waren diese Kinder dann?
Durch diesen Beschluss der katholischen Kirche hat ein gigantischer Umzug in den Himmel begonnen. Denn der Limbus hat zwar seinen Betrieb eingestellt, jedoch sind zuvor ganz bestimmt alle darin Eingeschlossenen freigelassen worden. Hoffentlich war man im Himmel darauf vorbereitet, bei ihrem Gott vorher angefragt hat die Kirche nicht. Sie weiß alleine, was göttlich ist. Die katholische Kirche hat den Limbus eröffnet, und sie hat ihn wieder geschlossen. Vielleicht macht ihn ja irgendein zufünftiger Papst wieder auf. Damit würde er sich gegen die Worte Jesu stellen, denn der hat gesagt (Mt 19,14): Lasst die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht daran. Denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich. Er hat nicht gesagt, dass sie dafür getauft sein müssen. Aber durch eine entsprechende theologische Interpretation dieses Zitats von Jesus lässt sich sicherlich auch der Limbus im Nachhinein begründen.
Andererseits hat die Sache noch einen kleinen Haken. Jeder Mensch kommt sündig auf die Welt, sagt die Kirche, weil jeder mit der Erbsünde belastet ist. Daher kann er nach seinem leiblichen Tod nur in den Himmel kommen, wenn er von der Erbsünde erlöst ist. Diese Aufgabe übernimmt die Taufe. Durch sie wird der Mensch von der Erbsünde befreit, und das Himmelstor öffnet sich für ihn. Kommen nun aber die nicht getauften Kinder sozusagen direkt in den Himmel kommen, was ist dann mit der Erbsünde? Bedeutet also die Abschaffung des Limbus etwa die Abschaffung der Erbsünde?
Letzte Änderung: 25.11.2011
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