von Prof. Dr. Uwe Hillebrand, Wolfenbüttel
Heiligenverehrung gibt es in vielen Religionen. Die evangelische Kirche kennt aber im Gegensatz zur katholischen Kirche keine Verehrung, bei ihr werden die Heiligen als Vorbilder des Glaubens angesehen. Zum christlichen Heiligen wird ernannt, wer hier auf Erden ein gottgefälliges, mit anderen Worten kirchengefälliges Leben geführt hat. Er soll in seinem Leben Gott besonders nahe gestanden haben und in religiöser Hinsicht ein vollkommener Mensch gewesen sein. Er ist ein Mittler zwischen Gott und den Menschen. Und er muss katholisch gewesen sein, evangelisch reicht nicht.
Die postume Heiligsprechung (Kanonisation, auch Kanonisierung) erfolgt in der römisch-katholischen Kirche nach einem entsprechenden Antrag der Diözese oder Ordensgemeinschaft und anschließender Prüfung durch den Papst. Voraussetzung dafür ist, dass der Kandidat bereits selig gesprochen wurde und so genannte Wunder vollbracht haben soll. Die Kosten für das Verfahren müssen zumeist vom Antragsteller übernommen werden und belaufen sich auf bis zu 250000 Euro. Die Heiligsprechungen sind somit eine gute Einnahmequelle des Vatikans, inzwischen gibt es tausende von katholischen Heiligen. Allein während des Pontifikats von Johannes Paul II., er war Papst von 1978 bis 2005, wurden 483 Personen heilig gesprochen.
Wer heilig gesprochen worden ist, der ist damit in der himmlischen Rangordnung aufgestiegen, und er genießt im Himmel eine Sonderstellung. Er herrscht jetzt zusammen mit Jesus, allerdings im Vergleich zu Jesus eher als Unterherrscher. Schließlich ist Jesus der Sohn Gottes und im Übrigen selbst ein Gott. Infolge der permanent ansteigenden Zahl von Heiligen mag das Unterherrschen eine zunehmend schwierige Angelegenheit geworden sein. Während in der evangelischen Kirche der Heiligen nur gedacht wird, werden sie in der katholischen Kirche richtiggehend verehrt. Und nicht wenigen von ihnen werden von der irdischen Kirche Aufgaben zugeteilt, wonach sie als Schutzpatron bzw. Schutzpatronin tätig sein müssen. Ganze Länder, Städte, Berufe, Krankheiten sowie Tiere werden dabei dem Schutz von Heiligen unterstellt. Dazu befragt werden konnten sie nicht. Da jedoch Heilige durch und durch gute Wesen sind, Menschen kann man ja nicht mehr sagen, haben sie sicherlich mit Freuden zugestimmt.
Etwa der heilige Thomas, der zuständig für die Architekten, Bauarbeiter, Zimmerleute, Maurer, Steinmetze und Theologen ist. Außerdem ist er ein Fachmann bei Rückenschmerzen und dafür, dass eine Heirat gut verläuft. Nun müsste ein Heiliger an sich für das Amt eines Schutzpatrons eine gewisse fachliche Qualität mitbringen. Betrachtet man die Berufe Architekt, Bauarbeiter, Zimmermann, Steinmetz und Maurer, so ist die Gemeinsamkeit dieser Berufe offensichtlich. Hingegen hat ein Theologe ein gänzlich anderes Berufsbild. Und obwohl ein Maurer durchaus unter Rückenschmerzen leiden kann, ist doch ein Heiliger nicht gleichzeitig Fachmann für Rückenschmerzen. Die Ärztekammer wird sich diese Einmischung verbieten. Zwar war der heilige Thomas einer der zwölf Apostel, aber ob man ihn bitten sollte, dass eine bevorstehende Heirat gut verläuft, dass sei in Anbetracht der völlig anderen Fachgebiete dieses Schutzpatrons wirklich dahingestellt.
Was mag nach der Bitte eines Erdenbürgers an einen Schutzpatron passieren? Nehmen wir einmal an, bei einem Hausbau würden die Zimmerleute dringend die ausstehende Lieferung der notwendigen Balken erwarten. Ohne diese Balken würde der Hausbau ins Stocken geraten. Ein gläubiger Zimmermann zieht sich in eine Ecke des Rohbaus zurück, wendet sich im Gebet an den heiligen Thomas und erklärt ihm die Sachlage. Der geht sofort zu Jesus und berichtet ihm von dem Anliegen dieses Zimmermanns. Und Jesus schließlich geht zu seinem Vater und bittet ihn um Hilfe. Selber kann der Heilige nicht eingreifen. In diesem Moment kommt ein Lastwagen um die Ecke gefahren und bringt die erwartete Ladung Balken. So könnte es ablaufen.
Und was wäre gewesen, falls die Balken nicht geliefert worden wären? Dann hätte der Zimmermann in der Ecke womöglich nur zum Schein den Schutzpatron angerufen. Oder der Schutzpatron konnte sein Anliegen nicht hören, da er gerade mit einem Zimmermann der benachbarten Baustelle beschäftigt war. Für diesen Fall ist vorgesorgt. Allein für diesen Berufszweig sind neben dem heiligen Thomas elf weitere Schutzpatrone zuständig. In seiner Not hätte sich der Zimmermann ebenso an die heilige Barbara, den heiligen Matthias, die heilige Regina, den heiligen Wolfgang oder die übrigen Schutzpatrone wenden können. Aber das Holz ist auch so rechtzeitig geliefert worden, dank des heiligen Thomas.
Andererseits kann man nicht sicher sein, dass ein Heiliger stets heilig bleibt. Denn ab und zu wird die lange Liste der Heiligen vom Vatikan überprüft, zuletzt im Oktober 2001. Dazu hieß es von Kardinal Jorge Arturo Medina Estevez, die Liste der Heiligen habe einige »Irrtümer« enthalten. Es wäre also großes Pech gewesen, hätte jemand einen Heiligen um Schutz angerufen, der gar kein Heiliger mehr war. Denn dann konnte ihm effektiv nicht geholfen werden, da der ehemalige Heilige durch den Beschluss der Kirche von der Seite Jesu verbannt worden war. Wohin überhaupt? Nun, mit dem heiligen Thomas hätte der Zimmermann diese Probleme nicht gehabt, der war schließlich Apostel, da wird nichts revidiert. Dennoch sollten die Gläubigen öfter mal nachschauen, ob ein bestimmter Heiliger immer noch heilig ist.
Weil man von einem Heiligen ohne Frage Ehrlichkeit erwartet, sollte man seine Bitte nicht an einen falschen Heiligen richten. Nun hat aber die katholische Kirche einige Personen heilig gesprochen, deren Lebenswandel hier auf Erden nicht gerade Vorbildfunktion hatte, wie den heiligen Augustinus, den heiligen Cyrill von Alexandria, den heiligen Damasus und andere mehr. Sie alle propagierten die Gewalt gegen Andersdenkende zur Durchsetzung ihrer Machtinteressen und schreckten teilweise auch vor Mord nicht zurück. Vielleicht hat ja das Wort »heilig« noch eine andere Bedeutung, als im Lexikon steht.
Letzte Änderung: 12.11.2011
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Beitrag von pufaxx
Aus »Religulous« (mit Reginald Foster)
»Aber es gab eine Umfrage hier in Italien. Die Frage war ‘In einer Krisensituation zu welchem Heiligen beten Sie da?’ Kapiert? Wissen Sie, wer der sechste auf der Liste ist? Jesus Christus.« – »Der sechste?!« – »Er ist die sechste Person, die die Italiener um Hilfe bitten, wenn sie Probleme haben. Ist das nicht n Ding?!«
Schon irgendwo putzig, oder?
Erstellt am 28.12.2009
Beitrag von Stephan Fischer
wie vereinbaren sich irrtümer bei der heiligsprechung eigentlich mit der unfehlbarkeit des papstes ?
Erstellt am 02.07.2010