von Prof. Dr. Uwe Hillebrand, Wolfenbüttel
Das Wort Inquisition kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie Untersuchung oder Befragung. Die »Heilige Inquisition«, wie sie die katholische Kirche nach wie vor nennt, dauerte vom 13. bis zum 18. Jahrhundert und war de facto eine Verbrecherorganisation, mit der die Kirche gegen jegliche Ketzer mit äußerster Härte vorging. Ketzer waren für die Kirche Menschen, die den Lehren der Kirche widersprachen und Missstände in der Kirche anprangerten. Aber auch diejenigen, deren Vergehen es war, dass sie an die Bischöfe keine Steuern abgeführt oder auch freitags Fleisch gegessen hatten.
Unter dem Begriff »Untersuchung« verstand die Kirche grausamste Folterungen. Liest man die historisch belegten Berichte von Inquisitionsverfahren, so kann man sich einfach nicht vorstellen, dass Menschen, die sich Christen nannten, im Namen der heiligen Kirche anderen Menschen solche Qualen zufügen konnten. Foltermethoden waren z.B. das Ausbrennen der Zunge, das Zertrümmern und Abschlagen von Händen und Füßen, das Abschneiden von Nasen und Ohren, sogar das Ausweiden der Opfer. Einige wurden hungrigen Wölfen zum Fraß vorgeworfen. Was man heute in Horrorfilmen gezeigt bekommt, war jahrhundertelang Praxis der barmherzigen Kirche.
Interessant ist, was heutzutage die führenden Persönlichkeiten der Kirche dazu zu sagen haben. Kardinal Joseph Ratzinger, ehemaliger Leiter der Glaubenskongregation des Vatikans und inoffizieller »Großinquisitor«, später zum Papst Benedikt XVI. gewählt, sagte am 3.05.2005 im ARD-Magazin Kontraste wörtlich:
»Großinquisitor ist eine historische Einordnung, irgendwo stehen wir in der Kontinuität. Aber wir versuchen heut’ das, was nach damaligen Methoden, zum Teil kritisierbar, gemacht worden ist, jetzt aus unserem Rechtsbewusstsein zu machen. Aber man muss doch sagen, dass Inquisition der Fortschritt war, dass nichts mehr verurteilt werden durfte ohne Inquisitio, das heißt, dass Untersuchungen statt finden mussten.«
Für Herrn Ratzinger war die Anwendung von Foltermethoden ein »Fortschritt«, was dabei getan worden ist, bezeichnete er »zum Teil« als »kritisierbar«. Diese Verharmlosung ist unglaublich? Ob er überhaupt verstanden hat, was er da gesagt hat? Bundeskanzler Willy Brandt war 1970 in Warschau vor dem Ehrenmal des jüdischen Ghettos auf die Knie gesunken. Nur ein Kniefall wäre angesichts der menschenverachtenden Folterungen und der unzähligen Morde durch die Kirche eine angemessene Reaktion des Kardinals gewesen. Aber diese Größe hatte Herr Joseph Ratzinger nicht. Wenige Wochen später wurde er zum Papst gewählt.
Dabei befindet sich Herr Ratzinger mit seinen verharmlosenden Worten über die jahrhundertelangen Verbrechen der Kirche in guter Gesellschaft. Sein Vorgänger im Amt des Papstes, Johannes Paul II., hatte am 12. März 2000 in seinem viel beachteten Schuldbekenntnis »Mea culpa« (Meine Schuld) die Verantwortung für Glaubenskriege, Inquisition und Judenverfolgungen stellvertretend für die Kirche übernommen. Diese Beachtung erscheint insofern kurios, weil sein Eingeständnis der Schuld gründlich misslungen war. Von den insgesamt sieben Vergebungsbitten lautete die zweite:
»II. Bekenntnis der Schuld im Dienst der Wahrheit
Lass jeden von uns zur Einsicht gelangen, dass auch Menschen der Kirche im Namen des Glaubens und der Moral in ihrem notwendigen Einsatz zum Schutz der Wahrheit mitunter auf Methoden zurückgegriffen haben, die dem Evangelium nicht entsprechen. Hilf uns Jesus Christus nachzuahmen, der mild ist und von Herzen demütig.
Herr, du bist der Gott aller Menschen. In manchen Zeiten der Geschichte haben die Christen Methoden der Intoleranz zugelassen. Indem sie dem großen Gebet der Liebe nicht folgen, haben sie das Antlitz der Kirche, deiner Braut, entstellt. Erbarme dich deiner sündigen Kinder und nimm unseren Vorsatz an, der Wahrheit in der Milde der Liebe zu dienen und sich dabei bewusst zu bleiben, dass sich die Wahrheit nur mit der Kraft der Wahrheit selbst durchsetzt. Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.«
Schon die Überschrift ist befremdend, denn sie trifft überhaupt nicht zu. Was für eine Wahrheit ist damit gemeint, die so genannte Wahrheit der Kirche oder die der gefolterten und ermordeten Menschen? Weiter ist zu lesen, dass die kirchlichen Verbrecher in »ihrem notwendigen Einsatz zum Schutz der Wahrheit« waren, und sie haben dabei »mitunter« auf Methoden (gemeint sind die Foltermethoden) zurückgegriffen, »die dem Evangelium nicht entsprechen«. Die Kirche musste also mithilfe der Inquisition die Wahrheit schützen, wahrscheinlich handelte es sich hier wieder um die göttliche Wahrheit. Und das Wort »mitunter« ist eine regelrechte Verhöhnung der Opfer. Immerhin hat Johannes Paul II. zugegeben, dass in den Evangelien nicht steht, man solle möglichst viele Menschen quälen, bis dass der Tod sie erlöse. Er hat außerdem gesagt, dass »in manchen Zeiten der Geschichte Christen Methoden der Intoleranz zugelassen haben«. Dieser Satz muss nicht mehr kommentiert werden.
Jeder, der nur ein bisschen nachdenkt, kommt zu dem Schluss, dass dies alles mit Mea culpa nicht viel zu tun hat. Das in dieser Form zu Papier gebrachte Schuldbekenntnis des Papstes zeigt in Anbetracht der Vergangenheit der katholischen Kirche das hiermit eingestandene Versagen des Vatikans. Denn die Verbrechen wurden nicht von Christen zugelassen, sie wurden von Päpsten angeordnet, im Namen der heiligen und barmherzigen Kirche. Wenn die Kirche heutzutage sagt, sie könne nicht dafür verantwortlich gemacht werden, dass nicht wenige ihrer Mitglieder dabei schwere Schuld auf sich geladen haben, sei ihr geantwortet: Die Kirche war und ist nichts anderes als eine Vereinigung von Menschen, und dazu gehören die Gläubigen genauso wie die Pastoren, Bischöfe und Päpste, und die haben unverzeihliche Schuld auf sich geladen.
Letzte Änderung: 11.11.2011
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